Erlösung

Erlösung ist ein zentraler Begriff der christlichen Glaubenslehre. Die korrekte Übersetzung des hebräischen, biblischen Begriffes bedeutet: Loskauf(aus Sklaverei), Befreiung. Wer dabei Anklänge an die aktuelle Diskussion um die Befreiungstheologie mithört, hört richtig: Erlösung ist keine religiös-abstrakte Jenseits-Verheißung, sondern sie verwirklicht sich konkret und wird real erfahren: politisch, sozial, im persönlichen Leben. Befreiung ist kein Gefühl, sondern Geschichte. Andererseits ist diese Befreiung im Kern ein religiöses Geschehen. Es hat mit Gott zu tun. Er ist der Befreier, der Erlöser.

Wie passen diese beiden Aspekte zusammen? Erlösung und Befreiung ist nur zu verstehen zusammen mit der Frage: Wovon, woraus, von wem Befreiung? Was macht es aus, "nicht erlöst" zu sein?

Die Schriften der Bibel, dem gemeinsamen Glaubensbuch aller Juden und Christen stellen fest: Die Menschen leben unglücklich, sie sind böse, gemein, habsüchtig. Gleichzeitig zeigen die Menschen in ihren Sehnsüchten und Träumen, in moralischen Leistungen, in Kunst und Kultur, daß "mehr" in ihnen steckt. Daß sie mehr sein wollen und auch mehr sein könnten, als sie meistens sind. Gott, der Schöpfer, so ist ihre Überzeugung, kann daran nicht Schuld sein. Ihn lassen Sie am siebenten Tag, dem letzten Schöpfungstag (aus-)ruhen und befriedigt feststellen: "Alles ist gut gemacht!"

Aber dann bringen die Menschen alles in Unordnung. Sie wollen "sein wie Gott"; sie sind mit ihrem Status unzufrieden, wollen mehr sein, nicht abhängig, nicht "Kreatur" (Geschöpf), sondern selbst "Herr über alles". Gott braucht sie dafür eigentlich gar nicht zu strafen:

Wer sich dermaßen überschätzt und überfordert, wird bald um so deutlicher seine eigenen Grenzen erkennen. Folgerichtig beschreibt die Bibel die Folgen dieses "Sündenfalls" so:

"Da gingen Ihnen die Augen auf und sie sahen, daß sie nackt waren!" Sie schämten sich, versteckten sich vor Gott, sie konnten sich selbst nicht leiden: Das ist die Vertreibung aus dem Paradies.

Es ist menschliche Grunderfahrung, daß die Liebe, die Zuneigung, das Wohlwollen den Menschen "schön" machen. So sehr sogar, daß manchmal die Liebe "blind" machen kann.

Mütter sind in den Augen der Kinder immer "schön". Solange man verliebt ist, ist der Partner "schön". Man sieht Falten, Makel, Alter: aber sie wirken apart, interessant, chic, hübsch, freundlich... Wenn man sich jedoch nicht mehr "mit den Augen des Wohlwollens" anschaut, sieht man die Menschen "nackt und bloß" (was etwas anderes ist, als ihn ohne Kleider zu sehen!)

Erlösung - und das ist der Kern der christlichen Vorstellung- besteht darin, daß Gott die Menschen wieder lehrt, sie ermutigt und befähigt, sich selbst und einander mit den Augen der Liebe zu betrachten: angstfrei, wohlwollend, nicht mit den Augen der Ausbeutung, der Gewalt, des Beherrschens. Ihn nicht "bloß" zu sehen ("bloß eine Frau, bloß ein Ausländer, bloß ein Kind..."), sondern mit den Augen des Schöpfers, der in sein Geschöpf seine Ideen, seine Gedanken, sein Anliegen, seine Hoffnungen und Sehnsüchte, seine ideale und Träume, ja sich selbst hineingelegt hat, so wie ein Künstler sich in sein Kunstwerk hineinverwirklicht.

Den Menschen ansehen als den Traum Gottes von sich selbst: Das ist die Vision und das Geheimnis Jesu. Das ist Erlösung. Eine solche Sicht verändert den Menschen und das Verhältnis untereinander: Das bewirkt Befreiung.

Erlösung durch Tod Jesu ?

In einem 1992 erschienenen Buch liest man in polemischer Überspitzung: "Der Kreuzestod Jesu reiht sich ein... in die Vorstellung eines gekränkten, durch menschliche Missetaten beleidigten, zürnenden und strafwilligen Gottes, der durch Opfer und insbesondere das dabei oder auch anläßlich von Strafaktionen geflossene Blut wieder zu versöhnen ist." Man brauchte diese Äußerung, die Franz Buggle in einer pauschalen, mit unsachlichen Anschuldigungen und unzureichenden Begründungen gespickten Streitschrift gegen das Christentum vorträgt, nicht ernst zu nehmen, wenn nicht auch ernste Fragen dahinter stünden.

Schon der heilige Anselm von Canterbury wollte in seinem 1089 erschienenen Hauptwerk "Cur Deus homo - Warum Gott Mensch wurde" Missverständnisse ausräumen, die aus einer volkstümlichen Veranschaulichung der christlichen Lehre von der stellvertretenden Genugtuung des Erlösungstodes Jesu entstehen konnten.

So gab es nach allzu wörtlich verstandenen Aussagen von Kirchenvätern die Vorstellung, dass etwa das vergossene Blut Jesu dem Teufel als Lösegeld gezahlt werden musste, um die Sünder aus seiner Gewalt loszukaufen, oder dass der Teufel, der die Menschheit Jesu verschlingen wollte, dadurch überlistet wurde, dass er sich an der Gottheit Jesu verschluckte.

Anselm stellt dar, dass Barmherzigkeit und Gerechtigkeit Gottes nicht gegensätzliche Begriffe sind, sondern dass sie in der Menschwerdung des Sohnes Gottes vollkommen identisch wurden. Der Katholische Erwachsenen-Katechismus gibt zu, dass die theologischen Aussagen vom Kreuz Jesu als "Sühne" und "Genugtuung" heutzutage schwer zu verstehen seien. Im Hintergrund einer solchen Deutung der Erlösung stünden Gedanken der Solidarität der Menschheit im Guten wie im Bösen. Jede Schuld bedürfe des sühnenden Ausgleichs, den nur Gott selbst in seinem Sohn leisten könne. "So führt das Sühnemotiv zum Motiv der erbarmenden Liebe Gottes."

Auch die Idee vom Opfertod Jesu ist heutzutage nicht leicht zugänglich. Alle aus den biblischen Aussagen über den Tod Jesu abgeleiteten Formulierungen (Loskauf - Stellvertretung - Opfer) sind menschliche und daher unvollkommene Versuche, das Geheimnis der letzten Preisgabe Jesu am Kreuz irgendwie mit heutigen Begriffen zur Sprache zu bringen. "Sie wollen auf immer wieder neue Weise die zuvorkommende und rettende Liebe Gottes verkünden, die Jesus Christus durch seinen Gehorsam und durch seine Hingabe stellvertretend für uns ergriffen hat, um so Frieden zu stiften zwischen Gott und den Menschen wie zwischen den Menschen untereinander."

 
Zurück
Kath. Pfarrgemeinde St. Petrus Canisius Hohnhorst/Bokeloh

Startseite

Stand: 25. Oktober 2001